BERLIN FASHION WEEK SS27: EINE BESTANDSAUFNAHME
Die Berlin Fashion Week für die Saison Frühjahr/Sommer 2027 ist vorbei.
Während die globale Modekarawane gerade erst aus Mailand abgereist war, bot Berlin bei alles andere als milden Sommertemperaturen ein Kontrastprogramm, das reflexartig die alte Frage aufwirft: Welche Bedeutung hat dieser Standort international überhaupt? Das Image schwankt chronisch zwischen provinzieller Ambition und kreativem Underground. Doch in dieser Saison war eine seltene Dringlichkeit spürbar. Es ging weniger um das reine Spektakel als um die Frage, wer in Krisenzeiten überhaupt noch eine relevante Haltung formuliert.
Abseits des obligatorischen Pflichtprogramms im Berliner Modesalon und der kommerziellen Kulisse des Vogue Cafés, das uns zwischen künstlich inszenierter Leichtigkeit, Magnum Eis und Martini empfing, lag der eigentliche Wert der Woche im diskursiven Austausch. Kultur entsteht nicht im Vakuum von Hochglanz-Präsentationen, sondern in den schonungslos ehrlichen Gesprächen über das Handwerk, die Strukturen und die Zukunft. Was bleibt also übrig, wenn man den Lärm subtrahiert? Welche Impulse nehmen wir für unseren Podcast Lost On Planet Fashion mit?
GmbH: Das politische Gedächtnis der deutschen Mode
Man kommt an der deutschen Ausnahmemarke nicht vorbei und man will es auch gar nicht: GmbH. Serhat Işık und Benjamin A. Huseby feierten ihr zehnjähriges Bestehen nicht mit nostalgischer Selbstgefälligkeit, sondern mit einer intellektuellen Dekonstruktion ihrer eigenen Identität, angereichert mit historischen Referenzen an die 1930er-Jahre. Als Marlene Dietrichs Stimme über den Platz hallte, wurde einmal mehr deutlich, worin die eigentliche Stärke dieses Labels liegt: GmbH ist kein reines Lifestyle-Produkt, sondern ein politisches Statement. In einer Industrie, die Diversität und Weltoffenheit oft nur als werbewirksame Vokabeln missbraucht, führen sie einen realen, ästhetischen Kampf gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit.
Der gestalterische Bruch aus technischer Funktionskleidung, strenger, klassischer Schneiderkunst und der neu eingeführten Damenbekleidung mit historisierenden Elementen wirkte ungemein präzise. Es ist genau dieser kompromisslose Wille zur Haltung, der Berlin international Dringlichkeit verleiht.
Die Debüts: Strenge, Referenzen und das Erbe der Schneiderkunst
Zwei Berliner Debüts erforderten in dieser Saison eine analytische Betrachtung. Martin Quad präsentierte eine Kollektion, die eine tiefe Verbeugung vor der klassischen Anzugsmode darstellte. Ein hellgrauer Anzug aus reiner Schurwolle bildete das konzeptionelle Fundament, von dem aus Quad den Raum zwischen den Geschlechtern vermaß: feminin taillierte Blazer, strukturierte Bustier-Overalls und knabenhafte, verkürzte Hosen. Die schwarzen Gesichtsmasken bildeten unweigerlich Erinnerungen an Alexander McQueens ikonische Schauen von 2015, während die formale Strenge und Defragmentierung der Silhouette eine subtile Verwandtschaft zu Thom Browne aufwies. Ein vielversprechender, weil handwerklich stringenter Ansatz.
Das zweite bemerkenswerte Debüt stammte von Arashi Yanagawa mit seinem Label John Lawrence Sullivan. Der ursprünglich aus Tokio stammende Designer brachte eine fast schon klinische Strenge nach Berlin. Seine Entwürfe lebten von einer rigiden Materialität: viel schweres Leder, präzise und unaufdringliche Schnittdetails an Mänteln und Jacken sowie pointiert eingesetzte Schlangenleder-Muster. Hier wurde Mode nicht als Dekoration verstanden, sondern als Rüstung für den urbanen Raum.
Esther Perbandt: Das Avantgardistische Gesamtkunstwerk
Zum Ausklang unserer Modewoche folgte der Wechsel in die Inszenierung. Esther Perbandt präsentierte ihre Capsule Collection „Heartbeat“ nicht als klassische Defilee-Schau, sondern im Rahmen einer darstellerischen Tanzperformance auf der Bühne. Die Synergie aus Musik, Bewegung und Videoinstallationen transformierte die Kollektion in ein immersives Erlebnis. Die für Perbandt charakteristische, konsequent schwarze Ästhetik dominierte das Geschehen, feingliedrig umgesetzt in Sweatern, Hosen und dynamisch fallenden, langen Schnüren. Solche alternativen Präsentationsformen sind essenziell für Berlin: Sie beweisen, dass der Wert von Mode oft jenseits des reinen Kleidungsstücks, im Bereich der reinen Kunst und der Avantgarde, liegt.
Berlin Fashion Week, wir nehmen dich beim Wort und blicken hinter die Fassade. Wir kommen wieder, solange die Relevanz über den bloßen Schein siegt.